Städte für Radfahrer

Immer mehr Städter satteln aufs Rad um. Doch Straßen und Wege sind für so viele Radfahrer noch nicht ausgelegt. Einige Städte gehen innovative Wege.

Das war knapp! Im letzten Moment bremst Antje Schmidt, 40, aus München und weicht mit ihrem Stadtrad einem Geländewagen aus, der einen gefährlichen Schlenker in Richtung Radspur macht. „Solche brenzligen Situationen kommen auf meinem Arbeitsweg immer öfter vor“, ärgert sich die sportliche Industriekauffrau. Jeden Morgen fährt sie auf ihrem roten Drahtesel gut drei Kilometer zum Büro, selbst bei Regen und Gegenwind. Sie mag die Bewegung und Unabhängigkeit auf zwei Rädern. Was sie nicht mag: Unaufmerksame und rücksichtslose Co-Radler und Autofahrer, die eine Art Straßenkampf im Berufsverkehr ausfechten. „Die Infrastruktur macht es Radlern aber auch wirklich nicht leicht. Die Radwege sind ohnehin schon eng. Und dann werden sie oft auch noch durch Baustellen versperrt oder von Autos als Fahrspur und Parkplatz missbraucht.“

Mit solchen Problemen ist die Münchnerin nicht allein. Immer mehr Deutsche fahren Rad. Rund 73 Millionen Fahrräder sind bundesweit unterwegs; inzwischen werden mehr Räder als Autos verkauft. Kein Wunder! Auf Kurzstrecken bis fünf Kilometer ist das Rad das schnellste Verkehrsmittel, günstiger und gesünder als Autofahren ist es allemal. Dieser erfreuliche Trend hat jedoch einen Haken: Durch die vielen Biker schrumpft der Platz auf den Straßen. Um den Andrang der Radler zu bewältigen, müssen die autogerecht geplanten Städte der Nachkriegszeit schrittweise in fahrradfreundliche Städte verwandelt werden. Langfristig will Deutschland den Anteil des Radverkehrs an insgesamt zurückgelegten Wegen von zehn auf 15 Prozent ausbauen. Zum Vergleich: Dänemark liegt bei 19, die Niederlande bei 31 Prozent.

Radhochburgen im Norden

Was möglich ist, zeigt ein Blick nach Kopenhagen. Radfahren gehört hier zur Stadtkultur. Fast zwei Drittel der Arbeitnehmer fahren mit dem Rad zum Büro oder in den Betrieb und haben damit die Autofahrer längst abgehängt. Nur neun Prozent nutzen noch das Auto für den Weg zur Arbeit. Einkäufe erledigen die meisten Kopenhagener auf Lastenrädern. Die dänische Hauptstadt gilt als fahrradfreundlichste der Welt. Vier Meter breite, meist durch einen Bordstein komfortabel und sicher von Straße und Fußweg getrennte Radwege durchziehen die Stadt. Interaktive Anzeigetafeln empfehlen ein Idealtempo von 20 Stundenkilometern und führen die Radler auf der grünen Welle flott über die Ampeln. Muss doch mal ein Radler bei Rot halten, verschaffen ihm Fußstützen vor den Ampeln einen sicheren Stand. Ihren Müll werfen die Biker im Vorbeifahren in schräg angebrachte Abfalleimer. All das kommt nicht von ungefähr: Pro Jahr und Einwohner investiert Kopenhagen etwa 25 Euro in die Fahrradinfrastruktur. Seit 2015 gibt es acht Fahrradbrücken, die Radler ganz für sich allein haben. Zu Stoßzeiten fahren sie teilweise in Viererreihen, dennoch läuft es diszipliniert – Schulterblick und ausgestreckter Arm beim Abbiegen und erhobene Hand beim Halten gehören zum guten Ton.

Metropolen satteln um

Viele Städte eifern dem guten Beispiel nach. In der holländischen Großstadt Utrecht etwa führen Radschnellwege bis in umliegende Orte. Allein die „Rad­autobahn“ in die Vorstadt Houven nutzen täglich 30.000 Radfahrer. Gerade entsteht vor dem Bahnhof der Stadt das größte Fahrradparkhaus der Welt mit 12.500 Radstellplätzen. In Amsterdam bieten an Grachten vertäute Frachtschiffe Platz für hunderte Räder. Vielerorts boomen zudem Leihräder. Allein das weltgrößte öffentliche Fahrradleihsystem, das „Vélib“ in Paris, bietet ca. 18.000 Räder und etwa 1.200 Verleihstationen.

Das Rad neu erfinden

Die deutschen Städte hinken bislang meist noch hinterher, 2017 schaffte es nur Berlin in die Top Ten der fahrradfreundlichsten Städte der Welt, die der sogenannte „Copenhagenize“-Index ermittelt. Immerhin: München, derzeit auf Platz 15, plant ein Netz an Radschnellwegen mit Über- und Unterführungen, das die Stadt künftig besser mit dem Umland verbinden soll. Wirkliche Vorreiter sind aber mittelgroße Studentenstädte wie Münster, Karlsruhe oder Freiburg. Etwa 100.000 Menschen radeln jeden Tag durch Münster – jeder dritte Einwohner. Das liegt auch an den 16 Fahrradstraßen, in denen Räder Vorrang vor allen anderen Fahrzeugen haben. Fahrradschleusen machen Ampelbereiche sicherer: Die am Boden markierten Haltezonen vor der Ampel bleiben Radlern vorbehalten, Autos warten dahinter. Die neue Radkultur verringert Staus und Schadstoffe und ist für die Lebensqualität in den Städten Gold wert. Das kann auch Antje Schmidt bestätigen: „Im letzten Urlaub war ich in Kopenhagen. So entspannt bin ich noch nie mitten durch eine Stadt geradelt.“ 


Beim Sightseeing auf Touren kommen

Mit dem Fahrrad lassen sich Städte schnell erkunden. Sehenswürdigkeiten, Leute und Flair erlebt man hautnah und kommt schnell an die schönsten Plätze. Leihsysteme gibt es viele in Deutschland und ganz Europa. Nützlich ist es, eine Fahrrad-Navi-App dabeizuhaben, zum Beispiel von Bike Citizens. Der Routenplaner zeigt Radwege bevorzugt an. Auch geführte Stadttouren auf dem Bike sind beliebt. Hier gibt's eine Liste von Anbietern in deutschen Städten.