"Die Energiewende schafft neue Arbeitsplätze"

Arbeitsmarktexperte Krischan Ostenrath vom Wissenschaftsladen Bonn über Studien- und Ausbildungsberufe in der Energiebranche.

Spätestens seit der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 verändert sich die Energiebranche grundlegend. Wie wirkt sich das auf dem Arbeitsmarkt aus?
Vor zwanzig Jahren gab es noch keinen ernsthaften Arbeitsmarkt Erneuerbare Energien. Wenn Sie da jemandem gesagt hätten: „Ich arbeite im Bereich Erneuerbare“, hätte er sie nur ungläubig angeschaut. Inzwischen arbeiten in dieser Sparte knapp 340.000 Menschen: rund 160.000 in der Windenergie, 105.000 in der Bioenergie, 45.000 in der Solarenergie, 20.000 in der Geothermie und 7.000 in der Wasserkraft. Das ist eine echte Hausnummer! Insgesamt sind durch die Energiewende sogar noch mehr Arbeitsplätze entstanden. Denn viele Jobs sind hier noch gar nicht eingerechnet: Für die Gebäudedämmung und Sanierung werden Dachdecker oder Stukkateure gesucht, für den Netzausbau Rohrleitungsbauer, fürs Smart Home Elektroniker. Hinzu kommen „Sowohl-als-auch-Beschäftigte“, deren Beruf sich durch die Energiewende verändert hat: Der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik installiert Ihnen neben der Erdgastherme heute auch eine Pelletheizung oder Solaranlage.

Andererseits gehen durch die Energiewende auch Jobs verloren…
Ja, etwa im Kohle-Bergbau. Aber wenn man beides verrechnet, entstehen insgesamt mehr Arbeitsplätze als verlorengehen. Die Energiewende ist kein Job-Killer, sondern ein Job-Generator! Und es könnten noch viel mehr Arbeitsplätze sein, wenn die politisch Verantwortlichen konsequenter auf diese Karte setzen würden.

Haben junge Leute die „grünen Jobs“ bei der Berufswahl ausreichend im Blick?
Nein, leider nicht. Viele dieser neuen oder veränderten Berufsbilder sind den meisten Schülern und Studenten noch unbekannt. Bei den Top Ten der beliebtesten Ausbildungsberufe in Deutschland waren in den vergangenen Jahren meist Klassiker wie Kaufleute oder Friseure vorn. Energieberufe spielten kaum eine Rolle. Es braucht Zeit, bis in den Köpfen ankommt, dass erneuerbare Energien keine randständige Sparte sind, sondern eine Zukunftsbranche. Immerhin: 2017 landete der Kfz-Mechatroniker bei den Männern auf dem ersten Platz – ein Beruf, der sich durch die Elektromobilität stark wandelt.

Welche Berufe verändern sich noch durch die Energiewende oder sind neu entstanden?
Neu sind zum Beispiel der Service-Techniker Windenergie, der Klimaschutzmanager oder eben der Kfz-Mechatroniker Hochvolttechnik, der Elektroautos wartet und repariert. Andere Berufe wandeln sich immer mehr zu „Umweltberufen“: Dachdecker sind Spezialisten für Wärmedämmung, Landwirte warten und pflegen als Energiewirte Biogasanlagen. Auch Brunnenbauer werden wieder ausgebildet – dieser Beruf war vor einigen Jahren schon so gut wie ausgestorben. Nur „mauern“ Brunnenbauer heute keine Wasserbrunnen mehr, sondern bohren mit viel Technik und Know-how Schächte für Erdwärme oder Trinkwasser. Dank der Geothermie sind Bohrexperten heute wieder gefragt.

Wo können Studenten im Feld Erneuerbare Energien Karriere machen?
Zum Beispiel als Klimaschutzmanager, der für Städte oder Kommunen Klimaschutzprojekte koordiniert. Außerdem gibt es viele neue Stellen für Verwaltungsfachkräfte, Ingenieure oder Naturwissenschaftler. Inzwischen kann man sich mit vielen Studiengängen für die Energiewende qualifizieren: Juristen prüfen Baugenehmigungsverfahren, Journalisten gehen in die Öffentlichkeitsarbeit, Betriebswirte ins Management von Energieunternehmen; Geografen planen Standorte für Windkraftanlagen oder Solarparks. Es geht hier nicht nur um technische Berufe!

Ihr Fazit: Welche Berufsperspektiven bietet die Energiewende jungen Leuten?
Wenn es eine Branche mit Zukunft gibt, dann erneuerbare Energien! Eines ist doch klar: Die Gesellschaft will die Energiewende. Die Jobs sind zukunftsorientiert, die Verdienstmöglichkeiten gut und die Zahl der Arbeitsplätze wird langfristig steigen. Allerdings würde dem Beschäftigungsfeld mehr Aufmerksamkeit guttun.


Der Wissenschaftsladen Bonn

Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm herausholen und Bürger aktiv einzubeziehen – das ist das Ziel des Wissenschaftsladens (WILA) Bonn, der 1984 von Studenten gegründet wurde. Heute ist der WILA Bonn mit rund 35 Beschäftigten der größte von mehr als 75 Science Shops weltweit. Der gemeinnützige Verein engagiert sich in nationalen und internationalen Projekten: Er schult unter anderem Pädagogen in Umweltbildung, Nachhaltigkeit oder globaler Gerechtigkeit, informiert Schüler über Umweltberufe, initiiert Veranstaltungen zu Imkern oder Urban Gardening und stützt als Träger Nachbarschaftsgärten oder Umwelttheater. www.wilabonn.de

Im Rahmen des Projekts „Energiewende schaffen“ (2014-17) stellt der WILA Bonn Studien- und Ausbildungsberufe im Feld Erneuerbare Energien in Videos, Bildern und Texten ausführlich vor: www.energiewende-schaffen.de

Aktuell baut der WILA Bonn unter www.gruene-arbeitswelt.de eine bundesweite Internetplattform für Berufe im Umwelt- und Klimaschutz auf.